Finanzstandortbericht 2010

IFD-Finanzstandortbericht_Nr.6_2010.pdf

Executive Summary

Vor fünf Jahren erschien der erste Finanzstandortbericht der IFD. Die „Zeichen stehen auf Wachstum“, schrieben wir damals. Von dieser Aufbruchstimmung ist nach zwei Jahren Finanz-, Wirtschafts- und Eurokrise wenig geblieben. Heute dreht sich die finanzpolitische Diskussion nicht mehr darum, Chancen zu nutzen und Wachstumskräfte zu entfesseln, sondern um die Bändigung der Finanzmärkte. Eine umfassende Reform ist erforderlich, um auf einen nachhaltigeren Wachstumspfad zurückzufinden.

Trotz dieser Verschiebung der Argumente, den schmerzvollen Erfahrungen der letzten Jahre geschuldet, hat unsere damalige Grundüberzeugung nicht an Wert verloren: Der Finanzstandort bleibt ein unverzichtbarer Motor für Wachstum und Beschäftigung in Deutschland. Dies gilt weiterhin, vielleicht sogar mehr denn je. Die vor uns liegenden Herausforderungen – von der Konsolidierung der Staatsfinanzen über die Anpassung an eine alternde Gesellschaft bis zum Umgang mit neuen Technologien und Klimawandel – lassen sich besser mit, nicht gegen die Finanzindustrie lösen. Neben notwendigen Maßnahmen zur Stabilisierung des Finanzsektors dürfen die Bemühungen um eine neue Finanzarchitektur dieses Ziel, den positiven Wachstumsbeitrag der Finanzindustrie zu sichern, nicht aus den Augen verlieren.

Im Sonderkapitel „Zur Neugestaltung der internationalen Finanzarchitektur“ formuliert die IFD daher wichtige Grundprinzipien der Regulierung, die auch in der jetzigen Situation nicht verletzt werden sollten. Darüber hinaus nehmen wir den aktuellen Stand der Vorschläge für eine Neuordnung der Regulierung der beiden wichtigsten Finanzmarktteilnehmer, Banken und Versicherer, näher unter die Lupe. Mit den Vorschlägen zur Reform der Baseler Vorschriften zur Bankenregulierung befinden sich die Verantwortlichen auf dem richtigen Weg. Auch die Umsetzung von Solvency II wird vor dem Hintergrund der Finanzkrise diskutiert. Wie bei jeder Behandlung liegt der Erfolg jedoch in der richtigen Medikation – dosis sola venenum facit. Bei übermäßigen Anforderungen dürften die Nebenwirkungen für die Verfügbarkeit von Krediten oder Versicherungsschutz nicht unerheblich sein. Vor der Anwendung sind daher aus Sicht der IFD weitere, intensive „Tests“ in Form von Quantitative Impact Studies (QIS) ratsam. Grundsätzlich bilden Kapitalanforderungen bzw. Solvabilitätsvorschriften das Fundament stabiler Finanzmärkte. Folgerichtig sollten sich die weiteren Beratungen auf dieses Kernelement der Finanzmarktregulierung konzentrieren.

Mit der Zuspitzung der griechischen Schuldenproblematik hat der Verlauf der Krise in den letzten Monaten eine spezifisch europäische Färbung erhalten. Erfolg und Internationalisierung des Finanzstandorts Deutschland sind heute unlösbar mit der Frage nach der langfristigen Stabilität des Euro verknüpft. Verlöre der Euro weltweit an Vertrauen, verdüsterten sich die Aussichten für den Finanzstandort ebenso. Die IFD unterstützt daher den neuen Europäischen Stabilitätsmechanismus, eine resolute und präventive Reaktion der EU, mit der ähnliche Marktreaktionen und Ansteckungseffekte wie im Herbst 2008 nach dem Fall von Lehman Brothers im Keim erstickt wurden. Dieser Schutzschirm ist jedoch weder eine endgültige noch eine vollständige Antwort auf die Krise der Staatsfinanzen im Euroraum. An der Weiterentwicklung der europäischen Institutionen zur langfristigen Sicherung der Stabilität der Währungsunion führt kein Weg vorbei. Im Zentrum steht dabei die Stärkung des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Ansonsten bestünde tatsächlich die Gefahr, dass Griechenland zum Menetekel für den Euro wird. Das zweite Sonderkapitel skizziert aus Sicht der IFD diese „Bedingungen für den weiteren Erfolg des Euro“.

Neben diesen beiden Sonderkapiteln enthält der diesjährige Bericht wieder einen kompakten Überblick über die einzelnen Marktsegmente. Die Entwicklung im abgelaufenen Jahr stand eindeutig im Schatten der Wirtschaftskrise. Viele Marktsegmente, die einen engen realwirtschaftlichen Bezug haben, wie z. B. Unternehmenskredite und -einlagen, M&A-Transaktionen und Beteiligungsfinanzierungen, entwickelten sich, im Einklang mit der Konjunktur, ausgesprochen schwach.

Auf der anderen Seite kamen Bereiche, in denen die Finanzkrise zu unmittelbaren Turbulenzen geführt hatte, wieder zur Ruhe. Investmentfonds und Zertifikate konnten sich 2009 erholen; dies refl ektiert vor allem die starke Aufwärtsbewegung der Aktienmärkte. Die Entwicklungen bei Verbriefungen und Bankeinlagen der privaten Haushalte normalisierten sich. Auf den Rentenmärkten sorgte die Einengung der Spreads für eine spektakuläre Performance, vor allem bei Unternehmensanleihen.
Außerordentlich positiv schnitt im vergangenen Jahr der Markt für Lebensversicherungen ab. Das Beitragswachstum erreichte mit über 6 % den höchsten Wert seit zehn Jahren. Ein wachsender Anteil stammt dabei aus Einmalbeiträgen, d. h. der Anlage größerer Summen. Darin zeigt sich das Vertrauen der Kunden in die Stabilität der deutschen Versicherungswirtschaft, die sich in der Krise als Stabilitätsanker erwiesen hat.

Insgesamt ist die deutsche Finanzkultur von Langfristigkeit sowie langjährigen und gewachsenen Geschäftsbeziehungen geprägt. Die IFD ist daher überzeugt, dass der Finanzstandort Deutschland gute Chancen hat, gestärkt aus der Krise hervorzugehen und auch zukünftig in Europa eine prägende Rolle zu spielen.